7/29/2014

Über Kommentarspalten. Eigentlich auch über digitale Öffentlichkeiten insgesamt

Die Frankfurter Rundschau hat uns gerade einen wunderbaren, mit einer großen Portion Galgenhumor gewürzten, Artikel zur "Zensur" unsäglicher Leser-Kommentare serviert. Dieser Text liest sich wie ein Verkehrsunfall. Man muss immer weiter zusehen, auch wenn das Entsetzen ins Unendliche steigt. Man kann das Leid der FR-Redaktion beinahe körperlich spüren, das sie beim Durchgang der Leser-Kommentare Tag für Tag plagen muss. Zugleich ist man amüsiert - amüsiert über all den Stumpfsinn aus den Untiefen der Kommentarspalten, der sich in kondensierter Form in dem Beitrag wiederfindet. Die "linksversifften Wixer von der Rundsau" werden da beschimpft, die "links-grünen Homo-Faschisten" sollen sich in den... nun ja, genau so eben.

Der Unterhaltungswert solcher Kommentare ist freilich ambivalent. Sie verunsichern unsere normativen Ideale einer aufgeklärten Gesellschaft der Bürger, die durch "das Internet" nun in einen öffentlichen Diskurs treten können. Sie versichern uns aber auch in unserer Position als intellektuelle Beobachter, die wohlfeil auf die ungebildeten, undisziplinierten Massen herabschauen können. Wir können uns so wunderbar abgrenzen von der Masse des Pöbels, der sich als individiduelle Empörung maskiert, ohne zu verstehen, dass er nur Gebrüll abliefert, das zu einem schwerverdaulichen Soundbrei seinen austauschbaren Beitrag abliefert. Wir können uns prächtig über diese Kommunikation erheben, die eigentlich nur sich selbst adressiert.

"Wir" - das ist natürlich die virtuelle Gemeinschaft, in der man sich weiß, wenn man doch mal wieder eine Kommentarspalte liest um sich seine Tagesration Internet-Drama zu injizieren. "Wir" - das ist die Gemeinschaft der Intellektuellen, der reflektierten Beobachter, der gebildeten Durchblicker. Vielleicht ist es die latente Funktion solcher Kommentarspalten, "uns" mit Distinktionsbewusstsein zu versoren. "Wir" wissen, dass man in der Welt der Kommentarspalte nur verlieren kann, da jeder Beitrag doch nur Futter für die Trolle ist, jeder Kommentar eines Kommentars den Diskurs reproduziert, gegen den er argumentiert. Wer in den Sumpf der Kommentarspalten hinabsteigt, kann nicht erwarten, sauber herauszukriechen, er macht sich schmutzig.

Als augeklärter Bürger erweist man sich offenbar vielmehr durch Nicht-Kommunikation, durch reine Beobachtung oder allenfalls noch durch das Reden über den Sumpf der Kommentarspalten (wie etwa in diesem Blog-Post), gepaart mit der Verweigerung mit ihm zu sprechen. Man gehört zum "Wir", wenn man sich nicht so schmutzig macht wie "die", die sich bestenfalls mit einseitiger Polemik, schlimmstenfalls mit verbalen Fäkalien bekämpfen. Durch ihre Nicht-Partizipation am Diskurs unterscheiden sich so Bürger von geschwätzigen, partizipierenden Massen.

Wenn wir einmal - nur so als Gedankenexperiment - annehmen würden, dass die Funktion der Kommentarspalte nicht in der Konstruktion eines Raums für den öffentlichen Diskurs besteht, sondern vielmehr in der Konstruktion eines Sozialzoos, den "wir" von außen angewiedert bestaunen können, hätte man zumindest eine These zu Hand, die das Unverständliche verständlich macht. Das Unverständliche - das ist die Frage, warum die Kommentarspalte aus der Medienwelt kaum mehr wegzudenken ist, warum etwa jede Zeitung meint, dass jeder Artikel heutzutage Anschlüsse in Form von Leser-Kommentaren bedürfte.

Die These ist irgendwie nett, vielleicht sogar halbrichtig, aber wohl zu sehr soziologisch ums Eck gedacht. Sie ist das Produkt einer Soziologie, die Kommunikation etwas zu stark in textförmigen Diskursen denkt, und nicht als Form, die sich in Medien realisiert. Eine Soziologie mit einem Augenmerk für das Technisch-Mediale würde zunächst mal ganz anspruchslos davon ausgehen, dass die Kommentarspalte ein großes Mißverständnis ist, ein typischer Fall eines neuen Mediums, das mit dem (alteuropäischen?) Ballast des Vergangenen gefüllt wird, eine anachronistische Nutzungspraxis, die davon ausgeht, in einer Gesellschaft zu leben, die als Arena öffentlicher Diskurse funktioniert, obwohl sie längst etwas ganz anderes geworden ist - auch und gerade im Zuge des digitalen Wandels. Die Kommentarspalte führt uns vor, dass "das Internet" nicht eine Befreiung des öffentlichen Diskurses aus den Fesseln der Massenmedien bewirkt. Sie führt nicht (nur) die Masse, den Sumpf, den Pöbel vor, sondern tatsächlich (auch) eine bestimmte Vorstellung antiquierter öffentlicher Bürgerlichkeit, die so nicht funktioniert.

Die Kommentarspalte ist nicht "das Internet". Das Internet ist ein Meta-Medium, das viele mediale Formen zulässt. Die Gestaltung dieser medialen Formen prägt den Diskurs, der in ihnen stattfindet. Diskurse "im Internet" sind techno-soziale Diskurse, in der technisch-mediale Arrangements mitproduzieren, was gesagt wird, wie es gesagt ist und was das für einen Unterschied macht (und: für wen).

Nach einem jahrzehntelangem Realexperiment mit Online-Leser-Kommentaren könnte sich langsam die Einsicht durchsetzen, das zumindest dieses technisch-mediale Arrangement, das Arrangement der Kommentarspalte, nicht gerade "das Beste im Menschen" hervorbringt. Die Kommentarspalte vertreibt nicht das Gespenst der Post-Demokratie, sie führt uns nicht in eine Welt des digitalen Kaffeehauses, schraubt nicht den Strukturwandel massenmedialer Öffentlichkeit zurück. Daraus wären drei Konsequenzen für die Zukunft abzuleiten (als persönliches und institutionelles Handlungsprogramm umsetzbar):

1) Man lässt alles so wie es ist und erfreut sich (ab und an) an der Kommentarspalte als textförmiger Netz-Variante des Trash-TVs (und vielleicht sind Kommentarspalten ja auch gar nicht so schlimm...).

2) Man macht (als Medienanbieter) die Kommentarspalten dicht oder ignoriert sie (als Leser), weil das alles nicht mehr zu ertragen ist.

3) Man experimentiert mit neuen Formen, wagt neue Experimente. Da gibt es ja so einiges, hört man zumindest. Reddit soll ja toll sein, und Facebook viel besser als sein Ruf. Sagt man. Wie auch immer, einen Versuch könnte es wert sein. Macht mal.